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Was kann Mikrofinanz leisten? Interview mit Anton Simanowitz

Anton Simanowitz.JPG12 August 2013

Der Mikrofinanzexperte Anton Simanowitz führt regelmäßig Schulungen für Oikocredit-Partnerorganisationen in der Mikrofinanz durch. Nach seiner Rückkehr von einer Schulung haben wir ihn gefragt, welche Rolle Finanzdienstleistungen im Leben wirtschaftlich benachteiligter Menschen spielen.

Neben seiner Tätigkeit für Oikocredit arbeitet der Brite auch für das Imp-Act Consortium. Zuvor beschäftigte sich der Sozialökonom sowohl theoretisch mit Mikrofinanzorganisationen (als Wissenschaftler am Institute für Development Studies in Brighton) als auch praktisch (als leitender Mitarbeiter einer Mikrofinanzinstitution in Südafrika).

Was genau ist Mikrofinanz eigentlich?

Anton Simanowitz (AS): Die Mikrofinanz bietet Finanzdienstleistungen für Menschen , die keinen Zugang zu formellen Bankdienstleistungen haben. Geld spielt im Leben fast aller Menschen weltweit eine Rolle. Wir alle haben tägliche Ausgaben: Wir kaufen Essen und Kleidung, bezahlen Heizkosten, Elektrizität, Wasser und in vielen Ländern auch Schulgebühren. Die Einkommen armer Menschen sind aber nicht nur gering, sondern oft auch unvorhersehbar. Vielfach fehlt ihnen das Geld zu dem Zeitpunkt, an dem sie es bräuchten, um diese Dinge zu bezahlen. Hier kann zum Beispiel ein Sparkonto helfen.

Eine weitere Herausforderung, vor der arme Menschen stehen, ist der Umgang mit unerwarteten Ereignissen, z. B. Arztkosten bei Krankheit, Reparaturkosten für ein Leck im Hausdach oder die Neuausstattung eines kleinen Geschäfts nach einem Diebstahl oder Brand. Auch hier können Mikrofinanzdienstleistungen den Menschen in dem Moment Geld geben, in dem sie es benötigen. Viele Menschen gehen z. B. nicht zum Arzt, weil sie kein Geld haben. So werden sie immer kränker und die Behandlungskosten steigen dadurch weiter. Gleichzeitig kann ein wirklich Kranker kein Geld mehr verdienen. Ein Notfallkredit, Ersparnisse oder eine Krankenversicherung können in diesem Fall helfen.

Und nicht zuletzt kann Mikrofinanz Menschen helfen, in den Aus- oder Aufbau eines kleinen Geschäfts zu investieren oder Saatgut und Düngemittel zu kaufen. Diese Investitionen können ein kleines Geschäft oder einen kleinbäuerlichen Betrieb stärken und damit das Einkommen der Mikrofinanzkunden und -kundinnen und ihrer Familien steigern.

Können Sie sich ein Entwicklungs- oder Schwellenland ohne Mikrofinanz vorstellen?

AS: Mikrofinanz ist inzwischen weit vertreitet, es gibt sie in fast jedem Land. Bevor es Mikrofinanzdienstleistungen gab, haben die Menschen schon informelle Finanzdienstleistungen in Anspruch genommen, um ihre Finanzen zu managen. Die Menschen haben schon immer versucht, für eine größere Ausgabe oder unvorhergesehene Ereignisse zu sparen oder Investitionen in ein Geschäft zu tätigen. Der Vorteil von Mikrofinanz ist, dass dies nun effizienter und kostengünstiger möglich ist.

Es gibt einige Kritiker, die sagen, dass Mikrofinanz Menschen in die Überschuldung treibt. Was halten Sie von dieser Kritik?

AS: Zu den Dienstleistungen der Mikrofinanz gehören Mikrokedite. Ein Kredit ist immer auch eine Schuld. Die Frage ist, ob diese Schuld so genutzt wird, dass sie einen Mehrwert bringt. Wenn der Kredit genutzt wird, um die Produktivität eines kleinen Betriebs zu erhöhen, für einen medizinischen Notfall zu zahlen und damit das Familieneinkommen zu schützen, oder um Schulgebühren zu Anfang des Schuljahres zu zahlen, von denen man weiß, dass man sie in kleinen Raten über das Jahr verteilt zurückzuzahlen kann, dann ist es eine gute Sache.

Es ist wichtig, sich der Verantwortung bewusst zu sein, wenn man einem Menschen, vor allem einem armen Menschen einen Kredit gibt. Deswegen ist es unabdingbar, dass Mikrofinanzorganisationen vorsichtig vorgehen und vor der Kreditvergabe überprüfen, ob die Kundinnen und Kunden den Kredit überhaupt zurückzahlen können. Außerdem muss der Kredit den Bedürfnissen der Kundschaft angepasst sein. Manche Organisationen sind noch nicht so effektiv, wie sie sein könnten, allerdings haben wir über die letzten Jahre erhebliche Verbesserungen beobachtet.

Es wird auch kritisiert, dass bislang nicht eindeutig nachgewiesen werden könne, dass Mikrofinanz die Armut reduziert.

AS: Diese Kritik zeigt für mich ein mangelndes Verständnis dessen, was Mikrofinanz wirklich ist. Eine Mikrofinanzinstitution in Asien hat das Einkommensniveau ihrer Kundschaft über fünf Jahre hinweg gemessen und stellte zunächst enttäuscht fest, dass nur wenige Kundinnen und Kunden ihr Einkommen wesentlich verbessern konnten. Als die Institution dann genauer untersuchte, was in diesem Zeitraum passiert war, stellte sie fest, dass die meisten der Kundinnen und Kunden mehrere Katastrophen und Notsituationen erlebt hatten: Wirbelstürme hatten ihre Häuser zerstört, sie waren erkrankt und teils sogar im Krankenhaus, wurden Opfer von Diebstahl und so weiter. Von dieser Perspektive betrachtet, ist es fast ein Wunder, dass die Kundinnen und Kunden ihr Einkommensniveau trotz all dieser Schocks halten konnten.

Eine andere Wirkungsstudie kam zu dem Schluss, dass sich das durchschnittliche Einkommen der Mikrofinanzkundschaft nicht wesentlich geändert hatte. Auch hier ergab eine ausführlichere Prüfung, dass die Einkommen zwar nicht gestiegen waren, aber die Investitionen in ihre kleinen Betriebe den Kundinnen und Kunden zu regelmäßigem und planbaren Einkommen verhalfen. Die Menschen können nun ihren Alltag besser planen, da sie wissen, wann wieviel Geld verfügbar ist.

Sie sind gerade von einer Schulung für Mikrofinanzpraktiker zurückgekommen. Was sollten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Ihrem Kurs mitnehmen?

AS: Das Wichtigste ist, dass sie die gesamte Organisation am sozialen Nutzen für die Kundschaft ausrichtet. Soziales Wirkungsmanagement ist nicht etwas, das man einfach nur oben aufsetzt und das separat behandelt werden kann. Die Mikrofinanzinstitutionen müssen wissen, wen sie mit ihren Angeboten erreichen und wen nicht. Der Zugang zu Finanzdienstleistungen alleine kann nicht die Armut beseitigen, aber er kann den Menschen helfen, mit dem Wenigen, was sie haben, besser zurechtzukommen. Indem sie die Bedürfnisse ihrer Kundschaft besser verstehen, können Mikrofinanzorganisationen passgenau die Finanzdienstleistungen bieten, die diese Bedürfnisse decken. Zusätzlich können sie weiteren Nutzen stiften, indem sie z. B. Schulungen zu Finanzfragen und betriebswirtschaftlichen Themen anbieten.

Wichtig ist mir auch, dass die Mikrofinanzpraktiker sich sehr genau bewusst sind, dass Mikrofinanz sowohl helfen als auch schaden kann. Es ist überaus wichtig, dass die Organisationen sorgfältig prüfen, an wen sie Geld verleihen, wieviel sie verleihen und wie sie die Rückzahlungen regeln. In meinem Kurs behandle ich ausführlich, wie Mikrofinanzinstitutionen damit umgehen, wenn Kunden unerwarteten Notsituationen ausgesetzt sind. In solchen Fällen können Sparkonten oder die Unterstützung von anderen Kreditgruppen-Mitgliedern helfen. Es ist aber auch wichtig für Mikrofinanzinstitutionen, Kredite umzuschulden und sicherzustellen, dass ihre Mitarbeitenden verständnisvoll sind und unterstützend reagieren.

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