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Warum gibt es Förderkreise (FK)?

Privatpersonen können nicht direkt Mitglied der Genossenschaft Oikocredit werden. Sie treten stattdessen einem der acht deutschen Förderkreise bei, über den sie bei Oikocredit Geld anlegen. Das gilt auch für Vereine, Stiftungen und Gemeinden, die bei Oikocredit investieren.

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Kühler Kopf & heißes Herz

Kühler Kopf & heißes Herz

MIEL-MX-21.jpg12 Mai 2018

Von den Bienen kann man’s lernen: anders wirtschaften, der Gemeinschaft dienen, teilen. Luis Enrique Castañón Chavarría, Generaldirektor der Oikocredit Partnerorganisation Miel Mexicana gab auf der Biofach im Februar 2018 in Nürnberg und in seinem Büro in Mexiko Auskunft über das genossenschaftliche Leben und Arbeiten mit Bienen, Imker*innen und internationaler Kundschaft.

DIE BIENEN

Honig ist ein großartiges Lebensmittel. Honig ist kein Süßungsmittel, sondern ein vollwertiges Produkt, das Eiweiß, Mineralien, Vitamine und anderes mehr liefert und überdies von den Bienen auf eine ungemein noble Weise produziert wird. Sie gehen sehr ähnlichvor wie unsere Genossenschaft auch. Die Bienen arbeiten immer für die Gemeinschaft und nicht für sich selbst. Die Bienen lehren uns, dass eine andere Form des Wirtschaftens funktioniert, ausschließlich zugunsten der Gemeinschaft. Der Honig selbst ist also schon ein alternatives Produkt, sein Rohstoff das Ergebnis eines alternativen Produktionsprozesses. Ist das nicht einzigartig?

DER DIREKTOR

Meine Position war nie wichtig, weil wir immer im Team gearbeitet haben. Ich habe das Projekt Miel Mexicana seinerzeit konzipiert und entwickelt und bin deswegen immer der Direktor gewesen. Dabei bin ich von Haus aus Tierarzt. Ich musste Soziologie, Finanzwesen, Ökonomie und anderes mehr lernen. Und ich muss mich auch jetzt noch ständig weiterbilden und auf dem Laufenden halten. Projekte wie unseres erfordern Beweglichkeit auf vielen Ebenen: moralisch, psychologisch, geistig, wirtschaftlich. Es ist ein Geschäft, das einen kühlen Kopf und ein heißes Herz erfordert. Du musst dich jeden Tag verändern. Das erfahren alle, die hier arbeiten. Ich bin hauptverantwortlich dafür, dass wir unsere Ziele erreichen, analysieren, welche Erfolge wir hatten, die Voraussetzungen für unsere Fair-Trade- und Bio-Zertifizierungen erfüllen, das nächste Jahr planen, genügend finanzielle Mittel für das gesamte Jahr haben, unsere ökologischen und sozialen Ziele einhalten, mit den internationalen Kund*innen kommunizieren. Ich fliege nach Europa, in die USA und besuche die Produzent*innen hier vor Ort, jede und jeden, ohne Ausnahme. Ich verhandle mit der Regierung, muss die Einhaltung der Regeln garantieren und Exportgenehmigungen beantragen. Wir alle tun alles, was in der Mitgliederversammlung entschieden wird und kümmern uns um das Wohlergehen der Menschen und der Bienen.

DIE GENOSSENSCHAFT

Wir haben damals begonnen, Bio-Honig zu produzieren und zu exportieren, auch wenn sich keiner vorstellen konnte, dass es klappen würde. Einige haben sogar gelacht und gesagt, wir seien naiv, Träumer. Sie sagten: „Wie wollt ihr das schaffen? Euch fehlen die Bienen, die Flächen und das Geld…“ Als wir dann unseren ersten Exportvertrag abschlossen, bedeutete das für uns die Verwirklichung unserer Träume. Die Genossenschaft ist der Ort, wo wir unsere Träume verwirklichen können. Hier können wir eine Welt schaffen, in der wir uns entwickeln können, wo alles gerecht ist, wo wir kooperieren und uns mit anderen solidarisieren können. Die Genossenschaft ist für uns eine Lebensweise. Als wir anfingen, haben wir uns genossenschaftlich organisiert, weil uns das die geeignete Form schien, um die Armut in unserem Land zu bekämpfen. Wir haben die Genossenschaft gegründet, weil es in Mexiko fast keine Männer mehr gab, so viele waren in die USA ausgewandert und arbeiteten dort. Es gab nur noch ältere Menschen, Frauen und Kinder, die in extremer Armut lebten. Die Idee am Anfang war, Arbeitsplätze für die potentiellen Emigranten zu schaffen, damit sie in Mexiko bleiben. Kleine Produzent*innen haben sich zusammengetan und mit der Honigproduktion begonnen. Wir haben es geschafft, mindestens acht Ethnien unter einen Hut zu bringen. All diese Menschen haben als Mitglied der Genossenschaft die gleichen Ziele. Die Genossenschaftsidee ist ein bisschen ungewöhnlich in Mexiko, weil sie aus Europa kommt. Wir haben das Modell adaptiert und die Besonderheiten unserer Mitglieder berücksichtigt, sie respektiert und integriert. Sie wissen genau, wie das Leben in einer Gemeinschaft aussieht. Davon profitiert die Genossenschaft als Ganzes.

DAS MODELL

Klar, dass wir private Unternehmen für keine geeignete Form halten. Ich persönlich bin davon überzeugt, dass Gott die Welt für alle geschaffen hat. Die Probleme begannen in dem Moment, als ein Mensch sagte: „Das gehört mir“. Als wir das Genossenschaftsprojekt angefangen haben, saßen dort einige Menschen und haben sich Gedanken darüber gemacht, wie wir es schaffen könnten, dass die Entscheidungen demokratisch getroffen werden. So sind wir auf die Idee gekommen, eine Genossenschaft zu gründen. Hier spielt es keine Rolle, wie viel du besitzt, du hast immer nur eine Stimme. Im Gegensatz zum privaten Unternehmen. Wir haben nie Dividenden ausgeschüttet, weil wir immer die Gewinne reinvestiert haben und der Meinung sind, es gibt gemeinsame Probleme zu lösen und das ist wichtiger als persönliche Probleme. Deswegen sind wir eine Genossenschaft. In unserer Satzung steht explizit, dass keiner von uns illegale Verhandlungen oder Aktivitäten durchführen darf, die ihm selber zugutekommen. Miel Mexicana ist aber auch ein Unternehmen und muss sich gegen riesige mexikanische Exportunternehmen behaupten. Sie wissen, dass wir unseren Produzent*innen faire Preise zahlen. Das wollen die großen Unternehmen nicht, sie versuchen, uns zu schaden. Wir versuchen seit Jahren, ein soziales Unternehmensmodell zu entwickeln, mit dem Firmen wirtschaftlich, ökologisch und sozial erfolgreich sein können. Wir wollen, dass dieses Projekt von anderen kopiert wird und unsere Genossenschaft Initiatorin einer Bewegung wird.

 

PRODUZENT*INNEN

Unsere Produzent*innen leben in und mit der Natur, mitunter räumlich weit entfernt und doch nah beieinander. Alle Familienmitglieder arbeiten mit. Wenn gefeiert wird, kommen alle. Wenn jemand heiratet, kommt das ganze Dorf. In dieser Welt sucht jede und jeder Verbundenheit. Die Menschen leben in der Familie und in der Gemeinschaft. Ich habe gesehen, dass die Welt besser ist, wenn alle Teil der Gemeinschaft sind und alles in der Gemeinschaft geschieht. Der Schlüssel zu allem ist die Liebe: zur Natur, zu den Bienen und zur Arbeit. Wie haben viel von ihnen gelernt. Imker*innen, die alles alleine erledigen müssen, können sich nicht so gut entwickeln, weil es schwierig ist, alle Aufgaben unter einen Hut zu bringen. Bei uns kümmern sich die Produzent*innen darum, Honig bester Qualität zu produzieren, denn nur dann können wir gute Preise verlangen, und wir, als Verwaltungsabteilung, machen alles andere. Sie können sich weiterbilden, strategisch mitgestalten, müssen untereinander nicht konkurrieren, sondern können kooperieren. Sie haben Gelegenheit, die Folgen ihres Handels zu reflektieren. Wir haben mit Menschen gearbeitet, die sonst keine Chance gehabt hätten, weil sie die Schule vielleicht nicht besucht oder beendet haben, weil sie weit weg von den Städten wohnten oder niemanden hatten, der ihnen etwas zeigt. Wir haben es geschafft, dass sie heute Bio-Honig in sehr guter Qualität produzieren und exportieren können.

ZWEI WELTEN

Seit Beginn unserer Genossenschaft ist eine meiner Hauptaufgaben, als Übersetzer zwischen zwei Welten zu agieren: der europäischen und der mexikanischen Art zu leben und zu denken. Einerseits haben wir Kund*innen, die strikt unternehmerisch denken. Andererseits haben wir indigene Mitglieder, die viele verschiedene eigene Sprachen sprechen und kein Wort Spanisch können. Diese Welten zu verknüpfen ist nicht einfach. Die Produzent*innen müssen verstehen, dass der Honig in Europa beispielsweise eine bestimmte Qualität und eine bestimmte Verpackung haben muss. Die Europäer*innen müssen wissen, dass in Mexiko unsere Produzent*innen und ihre Familien jeden Tag Gefahren ausgesetzt sind, dass in Mexiko die Armut so präsent ist, dass die Menschen manchmal mit zehn US-Cent Essen besorgen müssen. Sie essen nur einmal am Tag, wenn überhaupt. In einem Umfeld, das geprägt ist durch Gewalt und Korruption, Bio-Honig im Einklang mit der Natur zu produzieren ist gar nicht so einfach. Es ist alles komplizierter als in Europa: Wir müssen Flächen viele Kilometer von den Städten entfernt finden, damit wir ökologisch produzieren können; unsere Produzent*innen müssen Kisten, die 30, 40 oder 50 Kilo wiegen, über lange Strecken tragen und sie in geeigneten Gebieten platzieren. Viele unsere Imker*innen haben kein Leitungswasser zu Hause, haben keine Schule in ihrer Umgebung, manchmal auch keine Krankenhäuser. Wenn man all das weiß, bekommt man eine Vorstellung davon, wie wertvoll und kostbar unsere Produkte sind.

PARTNERSCHAFT

Als Oikocredit zu uns kam, dachten wir, angemessene Kredite geben uns die Möglichkeit, dass unsere Organisation wachsen und stärker werden kann. Wir hatten keine Befürchtung, dass Oikocredit als Finanzierer uns das Geld oder das ganze Unternehmen wegnehmen würde. Deswegen haben wir darüber nachgedacht und entschieden, diese Unterstützung anzunehmen und zusammenzuarbeiten. Wir hatten das Gefühl, auf diese Art und Weise können wir unserer Unternehmen nachhaltig voranbringen. Denn das wichtigste ist, die Genossenschaften für die Zukunft finanziell, organisatorisch, steuerlich, rechtlich besser aufzustellen. Das ist eine harte Arbeit im Moment, weil wir nicht genügend Ressourcen dafür haben. Seit 22 Jahren arbeiten wir daran und haben dieses Ziel noch nicht erreicht.

ALLGEMEINE INFORMATIONEN ZU MIEL MEXICANA

Miel Mexicana Volcán Popocatepetl SC de RL (Miel Mexicana) produziert und exportiert schwerpunktmäßig Bio-Honig für den fairen Handel. Die Anfänge als Initiative einiger Imker*innen reichen bis 1996 zurück, seit 2001 ist Miel Mexicana offiziell Genossenschaft und eine der ältesten Fairhandelsorganisationen in Mexiko. Sie hat sich dank nachhaltiger Strategien und einer klaren Qualitätsorientierung kontinuierlich weiterentwickelt, die Fairhandels- und Bio-Zertifizierung verschafft ihr zudem einen klaren Wettbewerbsvorteil auf dem internationalen Markt. Miel Mexicana ist derzeit in neun Bundesstaaten mit starker sozialer und ökologischer Ausrichtung aktiv. Sie schult benachteiligte und marginalisierte Menschen in der Produktion von Bio-Honig und verhilft ihnen zu einem sicheren Verdienst. Um das Honigangebot zu diversifizieren und die Produktionszeit zu verlängern praktizieren die Imker*innen auch die so genannte Wander-Bienenzucht, transportieren die Bienenstöcke je nach Saison und gewünschter Honigart in verschiedene Gegenden. Die Genossenschaft fördert Frauen in der als Männerdomäne geltenden Imkerei, 20 Prozent ihrer Mitglieder sind Frauen. Miel Mexicana arbeitet seit 2015 mit Oikocredit zusammen.

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