Wählen Sie Ihre Region

Fenster schließen
West- deutscher FK FK Bayern FK Mittel- deutschland FK Nordost FK Niedersachsen - Bremen FK Nord- deutschland FK Baden - Württemberg FK Hessen - Pfalz

Warum gibt es Förderkreise (FK)?

Privatpersonen können nicht direkt Mitglied der Genossenschaft Oikocredit werden. Sie treten stattdessen einem der acht deutschen Förderkreise bei, über den sie bei Oikocredit Geld anlegen. Das gilt auch für Vereine, Stiftungen und Gemeinden, die bei Oikocredit investieren.

Westdeutscher Förderkreis
Suche

Mensch oder Kapital

Mensch oder Kapital

Schmale.jpg20.07.2018

Dr. Ingrid Schmale wünscht sich mehr Genossenschaften, weil es einen gesellschaftlich gravierenden Unterschied macht, ob Personen im Vordergrund stehen oder Kapital. Marion Wedegärtner (Interview) und Julia Krojer (Fotos) besuchten sie im Institut für Genossenschaftswesen der Universität zu Köln, einem von 13 universitären Instituten im deutschsprachigen Raum.

Angesichts der Veröffentlichungen zum 200. Geburtstag des Pioniers Friedrich Wilhelm Raiffeisen wirkt es mitunter, als seien Genossenschaften eine deutsche Erfindung. Ist das so?
Dr. Ingrid Schmale: Genossenschaftliche Organisationen sind ubiquitäre Wirtschafts­ und Sozialformen. Es gibt sie schon lange und überall. Auch die Geschichte des modernen Genossenschaftswesens hat nicht mit Friedrich Wilhelm Raiffeisen und Hermann Schulze­Delitzsch begonnen. 1834 gründete sich die erste Produktivgenossenschaft in Frankreich, 1844 die erste Konsumgenossenschaft im englischen Rochdale. Die Idee war da. Industrielle Revolution, Bauernbefreiung, Gewerbefreiheit und eine immens wachsende Bevölkerung hatten die gesellschaft lichen Strukturen radikal verändert. Es gab im  ländlichen  und städtischen Raum Hunger, Armut, Strukturkrisen, Unsicherheiten, der sogenannte Manchester­Kapitalismus des 19. Jahrhunderts war schrankenlos. Und die Bauern waren zwar von der Lehnsknechtschaft befreit, aber sie mussten Entschädigungen an die Herren zahlen. Es brodelte.

In Deutschland suchten Friedrich Wilhelm Raiffeisen und Hermann Schulze-Delitzsch Antworten auf die Not, die langfristig wirkten.
Dr. Ingrid Schmale: Raiffeisen gründete im Hungerwinter 1846/47 den „Weyerbuscher Brodverein“,  um Lebensmittel an die hungernde Bevölkerung zu verteilen und später Saatgut und Kartoffeln in großen Stückzahlen für die ländliche Bevölkerung zu beziehen. Es folgte 1849 der „Flammersfelder Hülfsverein zur Unterstützung unbemittelter Landwirte“. Er vergab aus Sparanlagen zinsgünstige Kredite an arme Bauern. Schulze­Delitzsch gründete ab 1850 seine Vorschuss­ und Kreditvereine und damit die Grundlage für die schon 1859 so benannten Volksbanken. Raiffeisen hatte viele Ortswechsel als Bürgermeister hinter sich, er hatte zuvor Wohltätigkeitsvereine gegründet und gemerkt, dass, sobald er wieder fort war, der Verein nicht lebensfähig war. Er suchte eine nachhaltigere Form. Schulze­Delitzsch war Politiker, ein Liberaler, er hat es geschafft, ein Genossenschaftsgesetz zu konzipieren und durchzusetzen, was wirklich zukunftsweisend war. Es gab doch überhaupt noch keine demokratischen, auf Teilhabe zielenden Strukturen, weder in der Politik, noch in der Wirtschaft.

Gelten weltweit die gleichen gesetzlichen  Grundlagen für das Genossen schaftswesen?
Dr. Ingrid Schmale: Nein. Es gibt sehr unterschiedliche Regelungen. Aber es ist schon so, dass Europa durch Kolonialismus und Imperialismus seine Ideen verbreitete. Der deutsche Genossenschaftswissenschaftler und Jurist Hans H. Münkner erzählt gern, er habe, als er über Genossenschaften in Afrika promovierte, schnell gemerkt, dass er dafür zunächst Genossenschaften in Indien verstehen musste. Indien wiederum hatte sich in Deutschland informiert. Italienische Migranten haben die Genossenschaftsidee nach Argentinien gebracht. In Japan gilt seit Anfang des  20. Jahrhunderts das deutsche Genossenschaftsgesetz. Wir denken immer, unsere Zeit hätte die globale Kommunikation erfunden, aber es hat auch früher schon großes Interesse an internationalen Kongressen und Austausch gegeben.

Die Grundmerkmale sind gleich: Ein Mitglied, eine Stimme – unabhängig von der Höhe der An- teile, Solidarität, Selbstorganisation, Eigenverantwortung, Selbsthilfe. Sind auch die Ziele identisch?
Dr. Ingrid Schmale:
Ernst Grünfeld, Direktor des ersten Instituts für Genossenschaftswesen in Deutschland unterschied in einer Veröffentlichung von 1928 revolutionäre und konservierende Genossenschaften. Personenbezogenes Wirtschaften, bei dem nicht  für einen anonymen Markt, sondern für die konkreten Bedürfnisse einer Gruppe produziert wurde, war  ein bewusstes Gegenmodell zur kapitalistischen Wirt­ schaftsform. Die Absichten dahinter waren dennoch unterschiedlich. Raiffeisen und Delitzsch ging es  bei aller Verschiedenheit um den Erhalt des Mittelstands und darum, Aufruhr vorzubeugen. Sie sahen Sozial demokratie, Sozialismus und Kommunismus  als Ver führung zum Umsturz. Revolutionäre Genossenschaften zielten dagegen auf eine Vergenossenschaftlichung der gesamten Wirtschaft, auf andere politische Verhältnisse.

Wie hat sich das Genossenschaftswesen in Deutschland in den letzten Jahrzehnten entwickelt?
Dr. Ingrid Schmale:
In der ehemaligen DDR wurden Genossenschaften anfangs argwöhnisch beäugt,  aber bald erkannte man, dass die Genossenschaft ein geeignetes Transformationsinstrument ist, das zur Vergemeinschaftung der Wirtschaft beitragen kann (Stichwort: „Schulen des Sozialismus“). Es entwickelten sich Landwirtschaftliche Produktionsbetriebe (LPGs), die in „genossenschaftlicher“ Form wirtschafteten, produktionsgenossenschaftliche Formen für Handwerker (PGHs), zu den Wohnungsgenossenschaften kamen die Arbeiterwohnungsgenossenschaften (AWGs); auch der „Konsum“ (Konsumgenossenschaft) spielte eine große Rolle. In den 1970er bis 1990er Jahren waren Genossenschaften in Westdeutschland erpicht darauf, sich manderen Unternehmen zu unterscheiden. Alle wollten Wachstum. Sie wollten groß sein, möglichst verschachtelt, Tochtergesellschaften bilden, fusionieren. Konsumgenossenschaften sind daran grandios gescheitert. Sie haben sich übernommen, sich nicht mehr auf die Region beschränkt, wie es eigentlich zur Genossenschaft als sozialer Gruppe und wirtschaftlichem Unternehmen gehört. Dabei hatten gerade Konsumgenossenschaften oft weitreichende Ziele, Gesellschaft und Wirtschaft zu verändern. Sie wollten eigene Betriebe aufbauen, hatten Landbesitz, eigene Produktionsstätten wie Kaffeeröstereien, Seifensiedereien, Bäckereien, Fischfanggesellschaften, traten gegen Monopole an.

War es der Geist der Zeit, mangelndes Selbstbewusstsein, hat der Wunsch, sich als wettbewerbsfähig und marktkompatibel zu zeigen die Mitglieder in den Schatten gestellt?
Dr. Ingrid Schmale: Zur Richtungsänderung beigetragen hat sicher die Gesetzesnovelle von 1973. Sie erlaubte unter anderem die Ausdehnung der Geschäfte auch auf Nichtmitglieder. Anders als in Frankreich beispielsweise, wo die Zahl der Nichtmitglieder auf 30 Prozent limitiert ist, gibt es in Deutschland dafür keine Grenze. Das bedeutete einen starken Ruck in Richtung Aktiengesellschaft. Auch die Kreditgenossenschaften wollten seit den 1970er Jahren wie andere Geschäftsbanken sein. Das hat sich durch die Finanzkrise 2008 spürbar verändert. Genossenschaftsbanken in Deutschland brauchten als einzige keine staatliche Unterstützung. Damit wuchs das Selbstbewusstsein, und die Vorzüge der genossenschaftlichen Struktur rückten wieder mehr in den Fokus. 2012 erklärten die Vereinten Nationen zum Jahr der Genossenschaften. 2016 nahm die UNESCO die Genossenschaften in die Liste des immateriellen Weltkulturerbes auf. Das wertet auf.

Seit Anfang des Jahrtausends ist die Zahl der Neugründungen rapide gestiegen.
Dr. Ingrid Schmale:
Die große Gesetzesnovelle von 2006 erleichtert die Gründung von Genossenschaften, es braucht nur noch drei statt zuvor sieben Mitglieder. Auch gab es Erleichterungen bei den genossen­ schaftlichen Prüfungen, die durch die Prüfverbände der Genossenschaften durchgeführt werden und andere Erleichterungen für kleine Genossenschafts­ projekte. Das zeigt auch den Willen des Gesetzgebers, für kleine Selbsthilfeprojekte, die einen eigenen Geschäftsbetrieb haben, eine geeignete Rechtsform zur Verfügung zu stellen. Seit der 2000er Wende haben sich über 2000 der heute etwa 8000 Genossenschaften neu gegründet.

Wann ist eine Genossenschaft erfolgreich?
Dr. Ingrid Schmale:
Der Erfolg zeigt sich auf der Mit­  gliederebene. Zweck von Genossenschaften ist es,  die Mitglieder wirtschaftlich, sozial und kulturell zu fördern. Der Gesetzgeber ist da ganz klar. Gerade dieser Aspekt wird indes oft vernachlässigt. Darum betreibt unser Institut Aktionsforschung. Wir befragen ausgewählte Genossenschaften: Was bieten Sie eigentlich Ihren Mitgliedern? Erstaunlicherweise wissen die Genossenschaften das oft selber nicht. Viele haben einen Geschäftsbericht, aber darin fehlt oft, was für die Mitglieder getan wird. Geprüft wird immer nur die Wirtschaftlichkeit. Es muss aber eine Realleistung für die Mitglieder geben und das ist  nicht die Dividende. Eine Genossenschaft, die nur Rendite erwirtschaftet und ihre Mitglieder nicht fördert, ist nicht rechtens und kann aufgelöst werden.

Ist Genossenschaft per se politisch emanzipatorisch? Wenn es einfach nur eine weitere  Unternehmensform ist und hauptsächlich der Mittelstandsförderung dient: Steckt überhaupt noch transformative Kraft darin?
Dr. Ingrid Schmale:
Auf jeden Fall. Es ist ein großer Unterschied, ob man personenbezogen oder kapitalbezogen denkt und handelt. Viele Genossenschaften existieren schon 150 Jahre. Sie zeigen, dass man  in demokratischen Beteiligungsstrukturen wirtschaftlich leistungsfähig und zugleich sozial verantwortlich agieren kann. Selbsthilfe ist nachhaltiger als Hilfe. Wir brauchen mehr Genossenschaften. Ich finde, es dürften sich mehr Produktivgenossenschaften gründen. Produzent*innen als Miteigentümer*innen mit Stimme, Marktgegensätze in einer Person vereint:  Das ist schon ein grundsätzlich alternatives Konzept. Ich würde mir auch mehr Sozialgenossenschaften,  wie sie in Norditalien stark verbreitet sind, wünschen. Wenn sich Menschen mit Behinderungen beispielsweise zusammenschließen, um Beschäftigung und Unterstützung selbst zu organisieren, ist das etwas ganz anderes, als wenn große, hierarchisch strukturierte Wohltätigkeitsverbände für sie „sorgen“. Es steckt ein anderes Menschenbild hinter Genossenschaften, bei dem Menschen sich etwas zumuten  und zutrauen. In Italien werden solche Genossenschaften vom Staat finanziell und politisch gefördert, ich finde das richtig und wichtig.

Auch Ärzt*innen, Ingenieur*innen oder IT-Dienstleister schließen sich heute in Deutschland in Genossenschaften zusammen. In der solidarischen Landwirtschaft, an Schulen, im Zeitungswesen  gibt es Genossenschaften. Energiegenossenschaften boomen, ebenso genossenschaftlich organisierte Wohnprojekte.
Dr. Ingrid Schmale:
Neue Genossenschaften gründen sich in neuen Feldern. Die Bereitschaft zu zivilgesellschaftlichem Engagement in der Bevölkerung hat zugenommen. Das schlägt sich auch in den gemeinschaftlichen Selbsthilfeprojekten nieder. Zudem existiert momentan ja auch ein vielfältiges Umfeld: Share economy, Postwachstumsökonomie, Solidarische Ökonomie, Gemeinwohlökonomie  und andere mehr. Dabei spielen Genossenschaften als Form für die Umsetzung eine wichtige Rolle.  Auch in der Entwicklungszusammenarbeit erlebt die Zu sammenarbeit mit Kooperativen derzeit Aufwind. Zwischenzeitlich waren Genossenschaften im  glo balen Süden allerdings in Verruf geraten, denn  sie galten als ineffizient und besonders anfällig für Korruption. Der Nobelpreisträger Muhamad Yunus beispielsweise wollte aus diesem Grund seine  Grameen Bank nicht als Genossenschaft sehen. Denn eins ist klar: Jede Genossenschaft ist nur so gut wie ihre Mitglieder.

Dr. Ingrid Schmale ist Forschungsbeauftragte und Lecturer im Seminar für Genossenschaftswesen der Universität zu Köln. Neben der Grundlagenforschung im Fach Genossenschaftslehre und der Behandlung von bank­, wohnungsbau­ sowie produktivgenossenschaftlichen Themen ist ein weiterer Schwerpunkt ihrer Arbeit die wissenschaftstheoretische Behandlung ökonomischer Ansätze im Fach Genossenschaftslehre.

 

« Zurück