Wählen Sie Ihre Region

Fenster schließen
West- deutscher FK FK Bayern FK Mittel- deutschland FK Nordost FK Niedersachsen - Bremen FK Nord- deutschland FK Baden - Württemberg FK Hessen - Pfalz

Warum gibt es Förderkreise (FK)?

Privatpersonen können nicht direkt Mitglied der Genossenschaft Oikocredit werden. Sie treten stattdessen einem der acht deutschen Förderkreise bei, über den sie bei Oikocredit Geld anlegen. Das gilt auch für Vereine, Stiftungen und Gemeinden, die bei Oikocredit investieren.

Suche

So sieht die Zukunft von Oikocredit aus

Roundtable15©Julia Krojer.jpg27 September 2018

Helmut Pojunke und Marion Wedegärtner vom Westdeutschen Förderkreis sprachen mit Thos Gieskes, Geschäftsführer von Oikocredit International, Ging Ledesma, Direktorin für Anlegerbetreuung und soziales Wirkungsmanagement, und Ulrike Chini, Vorsitzende des Mitgliederbeirats, über die überarbeitete Strategie von Oikocredit.

Konzentration, Komplexitätsreduktion, Kompetenzsteigerung und Katalysator-Rolle: Das ist das Kernstück des Strategie-Updates, das der Vorstand der Genossenschaft der Oikocredit-Generalversammlung im Juni in Chennai vorgestellt hat. Oikocredit wird sich künftig auf eine reduzierte Anzahl von Ländern fokussieren, sich ausschließlich auf die Sektoren Mikrofinanz, Landwirtschaft und erneuerbare Energien und auch innerhalb der Sektoren auf bestimmte Bereiche konzentrieren. Die Genossenschaft will eine Vorreiterrolle als Katalysator einnehmen und ihr großes Netzwerk zunehmend nutzen, um Akteure zusammenzubringen und ihre Arbeit noch wirksamer zu machen. All diese Maßnahmen verstehen sich als erster Schritt, die vielfältigen Erfolge der Genossenschaft in der Vergangenheit auch in der Zukunft zu ermöglichen. Um über Gründe und Hintergründe der Veränderungen zu sprechen, baten wir Geschäftsführer Thos Gieskes, Direktorin Ging Ledesma und Mitgliederbeiratsvorsitzende Ulrike Chini in Amersfoort an einen Tisch.

Oikocredit: Oikocredit ist in der Wahrnehmung ihrer Anleger*innen bisher die Genossenschaft, die dorthin geht, wo andere nicht hingehen, die bleibt, auch wenn es kritisch wird, und die sich strikt am Bedarf in den Ländern orientiert. Wenn Oikocredit sich jetzt auf sogenannte Schwerpunktländer fokussiert, sich aus anderen Ländern zurückzieht und sich daran ausrichtet, wo sie die größte Wirkung erzielen kann, wird die Genossenschaft dann nicht zu einer Organisation wie alle anderen?

Thos Gieskes: Unser Konzept ändert sich nicht. Wir werden weiterhin Partner in Ländern und Sektoren finanzieren, in denen der Bedarf hoch ist, denn dort ist auch die größte soziale Wirkung zu erzielen. Wir bleiben verlässliche Partner, auch wenn es schwierig werden sollte. Aber unsere Arbeit muss wirtschaftlich nachhaltig sein, und zwar im Interesse der Partner und in unserem Interesse. Nur wenn wir uns auf weniger Länder fokussieren, können wir Dinge tun, die andere nicht tun. Das ist unser notwendiger nächster Schritt. Eine Menge Geld fließt inzwischen an nahezu alle Orte der Erde. Das ist anders als in den Anfängen von Oikocredit. Wenn wir die größtmögliche soziale Wirkung erzielen wollen, müssen wir noch besser verstehen, was unsere Partner wirklich brauchen, damit sie ihre sozialen Ziele erreichen, und wie wir ihnen dabei mit mehr als nur Geld helfen können. Dafür setzen wir unsere Erfahrung, unser Wissen und unser gesamtes Netzwerk ein.

Thos Gieskes, Geschäftsführer Oikocredit International.

Oikocredit: Was genau macht die Arbeit in den Ländern, aus denen sich Oikocredit jetzt zurückzieht, so schwierig? Nach welchen Kriterien wurde entschieden?

Thos Gieskes: Wir haben uns nicht gegen die einen, sondern für die anderen Länder entschieden. Dazu haben wir alle Länder, in denen wir aktuell aktiv sind, genau angeschaut. Wir wollten wissen: Was haben wir bis heute gemacht? Wie erfolgreich sind wir damit? Wie sieht es in der Zukunft aus, gibt es weiterhin Bedarf? Gibt es Gelegenheiten für uns, uns nachhaltig zu engagieren? Sind weitere Organisationen im Land? Sind es zu viele, kann der Wettbewerb kontraproduktiv werden. Das ist ein Balanceakt. Einfach ein Darlehen an nur einen Partner in einem Land zu vergeben, ist weder effizient noch befriedigend. Es ist daher kein Zufall, dass das Engagement in den Ländern, in denen wir künftig nicht mehr investieren werden, weniger als 15 Prozent der Investments ausmacht, die Oikocredit insgesamt getätigt hat. Die Länder, aus denen wir uns zurückziehen, liegen hauptsächlich in der Region Osteuropa und Zentralasien. Dort haben wir vier Büros geschlossen. Auch in einigen afrikanischen Ländern, in denen wir nur sehr wenige Partner haben und derzeit begrenzte Chancen für Oikocredit sehen, werden wir keine neuen Finanzierungen mehr vergeben. Übrigens spricht nichts dagegen, irgendwann später auch wieder in zusätzliche Länder zu gehen, aber nicht ohne eine klare Analyse und einen Plan, der erreichbare Ziele beschreibt.

Oikocredit: Wie haben sie betroffene Mitarbeiter*innen an dem Prozess beteiligt?

Thos Gieskes: Die Mitarbeiter*innen waren involviert, soweit das möglich war. Die Entscheidungen hat der Vorstand in Absprache mit dem Aufsichtsrat getroffen. Aber wir haben nichts unternommen und nichts angekündigt, ehe wir nicht mit allen Beteiligten vor Ort gesprochen und mit ihnen geklärt hatten, wie es für sie weitergehen kann; ob sie woandershin wechseln können innerhalb der Genossenschaft, wie eine finanzielle Regelung aussehen könnte, ob es sinnvolle Weiterbildungen gibt. Wir sind zu ihnen gereist. Das war mehr Arbeit, aber wichtig für uns. Die Tatsache, dass wir uns in einem Übergangsprozess befinden, bedeutet auch weiter Veränderung. Die wird uns bis ins nächste Jahr begleiten.

Oikocredit: Welche Rolle hat der Mitgliederbeirat als Vertreter der Investor*innen im Prozess des Strategie-Updates gehabt?

Ulrike Chini: Wir sind als Mitgliederbeirat sehr früh in den Prozess einbezogen worden. Wir haben ausführliche Informationen bekommen, waren an der Konzeption einer Mitglieder-Umfrage beteiligt, haben an Treffen, Telefonkonferenzen und Interviews teilgenommen. Es war ein partizipativer Prozess, aber als Mitgliederbeirat haben wir nicht die Fachkompetenz zu entscheiden, welche Büros geschlossen werden. Unser Mandat ist es zu beraten, zu unterstützen, mitzudiskutieren, aber nicht zu entscheiden. Es gibt Mitglieder in der Genossenschaft, die finden, sie seien nicht genügend involviert gewesen. Ich kann das verstehen und nachempfinden. Die Erwartungshaltungen waren und sind sehr unterschiedlich. Die Fünfjahresstrategie 2016 bis 2020 ist ausführlich gemeinsam diskutiert worden. Manche haben jetzt bei der Schwerpunktsetzung etwas Ähnliches erwartet. Andere gehen davon aus, dass in einer Genossenschaft grundsätzlich alle alles diskutieren und entscheiden. Aber wir sind eine Organisation, in der es eine Arbeitsteilung gibt. Es gibt einen Vorstand, der bestimmte Aufgaben übernommen hat. Das haben wir als Genossenschaft so beschlossen.

Ulrike Chini, Vorsitzende des Mitgliederbeirats.

 

 

Oikocredit: Welche Alternativen wurden bei der Überarbeitung der Strategie diskutiert?

Thos Gieskes: Wir haben verschiedene Möglichkeiten durchdacht. Die gültige Fünfjahres-Strategie 2016 bis 2020 ist seinerzeit von vielen diskutiert und verabschiedet worden, und sie hat weiter Bestand. Nur lässt sie viele Wege offen, es ist eine typische Genossenschaftsstrategie. Kooperativen haben Probleme Nein zu sagen, das spiegelt die Strategie wider, die sehr breit angelegt ist. Bei der Generalversammlung in Ghana 2017 haben wir deutlich gesagt: Die Strategie ist gut, aber wir können nicht alles machen. Das können wir nicht leisten. Also müssen wir eine Auswahl treffen. Wir müssen fokussieren. Wir haben geprüft, welche Wahlmöglichkeiten wir haben. Reduzieren wir Sektoren oder Länder, machen wir nur Mikrofinanz, nur Landwirtschaft? Vergeben wir nur Kapitalbeteiligungen oder nur Darlehen? Wir sind in Ländern aktiv, in denen wir nur einen Partner haben mit einem Darlehen. Das ist viel zu viel Aufwand in Relation sowohl zum finanziellen als auch zum sozialen Ergebnis. Natürlich stehen wir zu unsere Verpflichtungen und werden die laufenden Finanzierungen mit Partnern in diesen Ländern nicht kündigen, aber wir werden sie nicht verlängern und keine neuen abschließen.

Ulrike Chini: Zu fokussieren ist in der Entwicklungszusammenarbeit nichts Ungewöhnliches. Auch staatliche und Nichtregierungsorganisationen konzentrieren sich zunehmend auf Sektoren und Regionen. Das Gießkannenprinzip will niemand mehr.

Ging Ledesma. Davon abgesehen hat die Fokussierung viele positive Seiten. Wir sind wirklich sehr bekannt im Mikrofinanzsektor. Warum? Weil wir uns auf Mikrofinanz konzentriert, sehr viel Erfahrung gesammelt haben. Das können wir sozusagen im Schlaf, mit geschlossenen Augen. Jetzt sehen wir, dass unsere Mikrofinanzpartner auch aktiv sind im Wohnungssektor, in Bildung, im Wasser- und Sanitärbereich. Sie begegnen der Armut mit Dienstleistungen, die über Mikrokredite und Zugang zu Finanzmitteln weit hinausgehen. Unsere langjährigen Partner zeigen uns, dass wir so viel mehr tun können als bisher. Fokussieren bedeutet nicht nur Kostenreduktion, sondern eröffnet auch die Chance, unsere Arbeit zu vertiefen. Wir können genauer schauen, was sinnvoll und nötig ist.

Lesen Sie in Teil II des Interviews, was Oikocredit unter der Rolle als Katalysator für nachhaltige Entwicklung versteht.

Gesprächsführung: Helmut Pojunke, Marion Wedegärtner. Fotos: Julia Krojer

« Zurück