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Warum gibt es Förderkreise (FK)?

Privatpersonen können nicht direkt Mitglied der Genossenschaft Oikocredit werden. Sie treten stattdessen einem der acht deutschen Förderkreise bei, über den sie bei Oikocredit Geld anlegen. Das gilt auch für Vereine, Stiftungen und Gemeinden, die bei Oikocredit investieren.

Westdeutscher Förderkreis
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Wo bewährt sich die Mikrofinanz? In der Praxis!

Wo bewährt sich die Mikrofinanz? In der Praxis!

BIFPL-IN-66.jpg14.12.2018

Bejubelt, kritisiert, fortgeschritten, nicht wegzudenken: Die Mikrofinanz. Helmut Pojunke, Geschäftsführer des Westdeutschen Förderkreises reflektiert in seinem Beitrag Anspruch, Wirklichkeit und Entwicklungen der finanziellen Inklusion, die Rolle von Oikocredit und die beispielhafte Praxis von Hand in Hand India „Beyond Microfinance“. Deren Geschäftsführerin Dr. Kalpana Sankar sprach als Expertin auf der Oikocredit- Generalversammlung in Chennai und ist die Titelfrau dieses Magazins.

Die Internationale Entwicklungsgenossenschaft Oikocredit engagiert sich seit ihrer Gründung weltweit für die finanzielle Inklusion von Menschen mit geringem oder geringsten Einkommen. Über  75 Prozent der Mittel von Oikocredit fließen in diesen Bereich. Grundlage dafür ist die Überzeugung, dass die Förderung von gemeinschaftlich getragenen Initiativen in eigener Verantwortung den Menschen oftmals nachhaltiger nützt, als die Unterstützung wohlmeinender westlicher Hilfsorganisationen. Bestätigung hat diese Überzeugung mit der Verabschiedung der UN-Nachhaltigkeitsagenda am 25. September 2015 in Paris gefunden. Im ersten Kapitel „Armut  in allen Formen überall beenden“ wird als Unterziel  4 unter anderem formuliert: Bis 2030 soll für die  Mitglieder von armen und gefährdeten Bevölke- rungs schichten der Zugang zu Finanzdienstleistungen „inklusive Mikrofinanz“ ermöglicht werden.

Mikrokredite am weitesten verbreitet
Um dieses Ziel zu erreichen, ist noch viel zu tun: Aktuelle Schätzungen der Weltbank gehen davon aus, dass 2017 zwischen 32 und 45 Prozent der erwachsenen Bevölkerung weltweit keinen Zugang zu formellen Bankdienstleistungen hatten.1 Das bedeutet, zwei bis zweieinhalb Milliarden Erwachsene weltweit sind von grundlegenden finanziellen Dienstleistungen ausgeschlossen. Sei es, weil es keine Zweigstellen in akzeptabler räumlicher Nähe gibt, sei es, weil die Banken für diese Bevölkerungsgruppen keine Angebote machen (wollen), sind sie deswegen auf informelle Finanzdienstleistungen angewiesen.

Längst hat sich das Angebot der Mikrofinanzorganisationen von der ausschließlichen Konzentration auf Mikrokredite gelöst, die Angebotspalette wurde um Spar-, Versicherungs- und Zahlungsdienstleistungen erweitert. Trotzdem bleiben Mikrokredite das Angebot, das im Laufe der letzten Jahrzehnte die weiteste Verbreitung gefunden hat und das deshalb auch in der entwicklungspolitisch-ökonomischen Diskussion am umfangreichsten erforscht und diskutiert worden ist.

Sektor und Akteure verändern sich
Der rein zahlenmäßige Überblick über den Markt ist beeindruckend: Nach Angaben der Microcredit Summit Campaign, eines Zusammenschlusses von weltweit über 1.000 Akteuren im Bereich der Mikrofinanz, stieg die Anzahl der Haushalte unter der Armutsgrenze, die Mikrokredite nutzen, von 7,6 Millionen. im Jahr 1997 auf 137,5 Millionen im Jahr 2010.3  Auch die Zahl der Anbieter ist unüberschaubar groß. Schätzungen der Organisation CGAP („Consultative Group to Assist the Poor“) zufolge waren 2017  etwa 70.000 Mikrofinanzinstitutionen weltweit tätig,  die insgesamt Mikrokredite im Wert von geschätzten  100 Milliarden US-Dollar vergeben haben. Der Sektor verändert sich jedoch mit seinen Akteuren, ihren Bedürfnissen und den aktuellen technischen Entwicklungen. Intensiv diskutiert und erprobt werden weltweit Finanzierungsdienstleistungen, die auf die Bedürfnisse von kleinen und mittelständischen Unternehmen zugeschnitten sind. Solche Unternehmen schaffen Arbeitsplätze und bringen mehr Wertschöpfung in lokale Ökonomien, als dies allein durch Mikro finanz möglich ist. Diese folgerichtige Erweiterung von Mikrokrediten sieht sich oftmals vor besonderen Herausforderungen, weil in vielen Ländern des globalen Südens Strukturen für erfolgreiches Unternehmertum erst noch gebildet werden müssen. Große Veränderungen bringt der zunehmenden Einsatz von IT-Technologien im Bereich der Mikrofinanz. Während in der Vergangenheit der persönliche Kontakt zwischen den Kreditgruppen und den Kreditsachbearbeiter*innen der Mikrofinanzinstitutionen wesentliches Merkmal, Erfolgs kriterium und Basis der Interaktion (beispielsweise für Schulungen) gewesen ist, wird dieser zunehmend durch Online-Angebote ersetzt. Diese Entwicklung, die gerade in einigen ostafrikanischen Ländern schon weit vorangeschritten ist, wird die Strukturen im Markt der Anbieter von finanzieller Inklusion in Zukunft stark verändern.

Die Kritik übersieht eine Frage
Auch wenn die dynamische Entwicklung der letzten Jahrzehnte, die die hohe Akzeptanz des Angebotes von Mikrofinanz eindeutig bestätigt, und die rein zahlenmäßigen Auswertung von Studien eher  moderat positive als negative Effekte von Mikrofinanz zeigt, reißt die Kritik an der grundlegenden Idee  von Mikrofinanz nicht ab.4 „Die Herstellung sozialer Gerechtigkeit durch Schulden erweist sich als ein kaum zu erfüllendes Versprechen und als ein äußerst mangelhafter Ersatz für öffentliche Fürsorge oder umverteilende Entwicklungspolitik“, fasst Philip Mader die Kritik beispielhaft zusammen. 

Mehr umverteilende Entwicklungspolitik wird kaum ein Befürworter von Mikrofinanz ablehnen. Und so wichtig und ernst zu nehmen die Fragen nach Zinshöhe, Überschuldungsgefahr, Beschränktheit von Mikrokrediten auf schmale Bereiche wie Kleinstunternehmen und einfache Dienstleistungen auch sind: Die Frage, der die Kritiker*innen oft ausweichen, ist, welche Alternativen es für Menschen mit geringen Einkommen gibt, wenn sie Bedarf an Finanzdienstleistungen haben. Denn die Menschen benachteiligter Gemeinschaften im globalen Süden stehen oftmals vor der konkreten Frage, mit welchem Geld sie die nächsten Tage bestreiten können. Die Dienstleistungen von Mikrofinanzinstitutionen bieten da verlässliche Angebote in Regionen, in denen es sonst keinen Zugang zu Finanzdienstleistungen oder Angebote wie Krankenversicherungen gibt. Organisationen, die finanzielle und soziale Aspekte in der Arbeit miteinander verknüpfen, können schon allein deshalb eine positive soziale Wirkung entfalten.

Gute Praxis: Hand in Hand India
Am ehesten lässt sich dies an Beispielen aufzeigen: „Hand in Hand India“ wurde 2002 als gemeinnützige Stiftung in Indien anerkannt und begann mit der Umsetzung von ersten Maßnahmen im Kampf gegen Kinderarbeit. Aus den Anfängen entwickelte sich eine Unternehmensgruppe, die paradigmatisch die Arbeit einer spendenbasierten Hilfsorganisation mit der Förderung von Unternehmensgründungen durch Mikrofinanz verknüpft. Hand in Hand hat sich dabei zum Ziel gesetzt, bis 2020 fünf Millionen Arbeitsplätze zu schaffen und so die vielen Dimensionen von Armut zu bekämpfen.

Beispielhaft ist der Stufenansatz, den Hand in Hand verfolgt: In einem ersten Schritt erfolgt die soziale Mobilisation von benachteiligten Frauen durch in Indien weitverbreitete Selbsthilfe-Gruppen, die Erfahrungsaustausch und gegenseitige Stärkung ermöglichen. Darauf folgen zweitens allgemeine Ausbildungsprogramme, sei es in grundlegenden Techniken wie Lesen, Schreiben, Buchhaltung oder – zielgerichteter – im Blick auf praktische Fähigkeiten und Kenntnisse (beispielsweise in modernen Formen der Landwirtschaft, in der handwerklichen Produktion oder in re gional benötigten Dienstleistungen). Erst wenn diese beiden Schritte vollzogen worden sind, vermittelt  Hand in Hand den Frauengruppen Zugang zu Mikrokrediten. Solche an die Bedürfnisse angepasste Finanzierungen bietet unter anderem die Mikrofinanzinstitution Belstar an, die unter dem Dach von Hand in Hand India firmiert. Um den Weg der Frauen aus Abhängigkeit und Armut abzusichern, bietet Hand in Hand zuletzt Möglichkeiten der Vernetzung an, um gemeinsame Vermarktung und integrierte Produktion zu ermöglichen.

Armutsbekämpfung in Stufen
Dieser Ansatz der aktiven Armutsbekämpfung konzentriert sich auf Verbesserungen in fünf grundlegenden Bereichen, für die Hand in Hand jeweils eigene Programme entwickelt hat: Stärkung der Rechte und der Teilhabe der Frauen durch Schaffung von  Arbeitsplätzen; Kampf gegen die Kinderarbeit durch  indi viduelle und schulische Bildungsangebote; Verbesserung der praktischen Ausbildung in den verschiedenen Bereichen Landwirtschaft, Handwerk und Dienstleistungen; grundlegende, bezahlbare Gesundheitsversorgung; Umweltschutz durch Initiativen in der Vermeidung von Umweltbelastung und Etablierung von Wertstoffkreisläufen.

Die Erfolge, die Hand in Hand India mit diesem Pro- gramm in den letzten Jahren erzielt hat, sind die Grundlage dafür gewesen, den Ansatz in verschiedene andere Länder zu exportieren, unter anderem  nach Afghanistan, Südafrika, Kenia und Brasilien.

Hand in Hand India zeigt beispielhaft für viele andere Partnerorganisationen, mit denen Oikocredit zusammenarbeitet, wie ein verantwortlicher Umgang  mit Mikrofinanzen wichtige Entwicklungsimpulse setzen und verstärken kann und wie in einem integrierten Ansatz Armutsbekämpfung gelingen kann.

Soziale Arbeit & Finanzdienstleistung
Wo Mikrokredite eingesetzt werden, ist – wie bei allen kreditfinanzierten Tätigkeiten weltweit – die Gefahr  der Überschuldung nicht auszuschließen. Darum sind Entwicklung, Anwendung und fortwährende Verbesserung von Kundenschutzmechanismen, wie sie Oikocredit von ihren Partnern fordert und fördert, gerade in diesem Bereich essenziell. Nur so können Fehlentwicklungen vermieden werden, die in der Vergangenheit immer wieder persönliche Katastrophen ausgelöst haben.

Auch können Erfolge wie die von Hand in Hand India nicht darüber hinwegtäuschen, dass übergeordnete politische und wirtschaftliche Rahmenbedingungen in der Armutsbekämpfung entscheidend sind  und durch individuelle Verbesserungen nicht oder nur in geringem Umfang kompensiert werden können. Dysfunktionale Regierungen, fehlende Rechtssicherheit, Kriege und Bürgerkriege, Korruption oder mangelhafte öffentliche Dienstleistungen in der Gesundheitsversorgung oder der Bildung stellen große Hürden für die Entwicklung funktionierender Gesellschaften dar. Deren negative Effekte werden noch verstärkt oder sogar verursacht durch den oft unfairen Umgang im internationalen Handel zwischen Län- dern mit hohem und niedrigem Pro-Kopf-Einkommen. Trotzdem: Die Verbesserung der Lebensbedingungen im Kleinen vor Ort bleibt für ein privatrechtlich arbeitendes Unternehmen wie Oikocredit und seine Mitglieder, die die Genossenschaft mit ihrer Einlage unterstützen, ein lohnendes wie realistisches Ziel. Gerade die Förderung von Mikrofinanzinstitutionen, die zielgerichtet soziale Arbeit mit finanziellen Dienstleistungen verknüpfen, ist dafür ein wichtiger Baustein. 





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