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Warum gibt es Förderkreise (FK)?

Privatpersonen können nicht direkt Mitglied der Genossenschaft Oikocredit werden. Sie treten stattdessen einem der acht deutschen Förderkreise bei, über den sie bei Oikocredit Geld anlegen. Das gilt auch für Vereine, Stiftungen und Gemeinden, die bei Oikocredit investieren.

Westdeutscher Förderkreis
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Die Menschen müssen selber etwas machen

Die Menschen müssen selber etwas machen

Toepperwine.jpg31.01.2019

Mehr als 6.800 Anlegerinnen und Anleger investieren über den Westdeutschen Förderkreis ihr Geld bei Oikocredit. Sie unterstützen die Arbeit der Genossenschaft auf dem Hintergrund ihrer Erfahrungen und ihrer Haltung zur Welt. Wie Annemarie Töpperwien. Marion Wedegärtner (Text) und Julia Krojer (Fotos) sprachen mit ihr in ihrer Wohnung in Köln.

Unterm Dach der Seniorenresidenz, zwischen Büchern, Bildern, Fotos und luftigem Mobiliar wohnt Annemarie Töpperwien, Mitglied Nummer 124 des Westdeutschen Förderkreises. Auf dem Tischchen liegt ein Aktenordner parat. Die erste Seite enthält einen auf Schreibmaschine geschriebenen Vertrag zwischen Oikocredit und ihrem Mann aus dem Jahr 1981, dem Jahr, in dem die New York Times unter der Überschrift „Ökumenische Bank vergibt Darlehen an Bedürftige“ Oikocredit, damals noch EDCS, als Pionierin eines neuen Konzepts vorstellte. Auf den nächsten Seiten im Ordner folgt eine umfassende Korrespondenz zwischen Annemarie Töpperwien und der Geschäftsstelle des Förderkreises. „Die Anteile liefen ja auf den Namen meines Mannes, so war das eben“, sagt sie und setzt nach, wie mühsam es seinerzeit gewesen sei, sie nach seinem Tod 1983 ohne Erbschein auf ihren Namen zu überschreiben. Sie selber habe deshalb längst testamentarisch verfügt, dass die Anteile zu gleichen Teilen auf ihre Kinder übergehen sollen.

Dieses Jahr wird Annemarie Töpperwien 90. Sie kocht jeden Tag selbst. Beim Laufen nutzt sie einen Rollator. Zur geistigen „Gelenkigkeit“ verhelfen die tägliche Lektüre der taz und anderer Informationsquellen, das Oiko-Magazin lese sie „brav“ von der ersten bis zur letzten Zeile, „ich bin ja noch analog“. Bedauerlicherweise, sagt sie, seien die betagten Menschen hier im Haus so mit sich beschäftigt, dass an einen Austausch über Politik und Zeitgeschehen nicht zu denken sei. Das fehlt ihr.   

„Ein einfaches Leben“: Jahre in Nias

Für Annemarie Töpperwien ist die Welt größer als Stadt oder Land. Sie engagiert sich bei der Kindernothilfe für ein Frauenprojekt in Guatemala. „Das Internationale“ war auch der Grund, warum man Anfang der 80er Jahre nach einer Familienratssitzung Geld bei Oikocredit anlegte. „Wir wollten mit dem Geld auf der Bank etwas Sinnvolles anfangen“, sagt Annemarie Töpperwien. Oikocredit hatte zu dem Zeitpunkt ihr zweites Regionalbüro eröffnet, in Peru, und den ersten Kredit in der Region ausgezahlt: 350.000 US-Dollar an eine Kooperative von Alpakabauern. Im Jahr darauf hatte die Genossenschaft 16 Partnerorganisationen in zwölf Ländern. „Früher kannte ich nur, dass man Almosen gibt, dann habe ich ehrenamtlich in einem Weltladen mitgearbeitet und gedacht, so ist es richtig, die Menschen müssen selbst etwas machen.“ Wie bescheiden das Leben in anderen Ländern aussehen kann, wusste sie aus eigener Anschauung. Elf Jahre, von 1958 bis 1969 hat sie mit ihrem Mann und ihrer wachsenden Familie im Hinterland der indonesischen Insel Nias in einer ehemaligen Missionsstation gelebt, im äußersten Westen Indonesiens westlich von Sumatra. „Ein einfaches Leben“, kommentiert Annemarie Töpperwien. Sie erinnert den Moment. Sie war verlobt, man saß bei den Schwiegereltern am Tisch, es klingelte, ein beleibter Herr ganz in Schwarz mit Hut trat auf. Der Missionsdirektor der Rheinischen Mission suchte händeringend jemanden, der für die protestantische Kirche auf Nias Theologen ausbildete. Ihr Mann war noch Vikar, Annemarie Töpperwien Junglehrerin vor dem zweiten Staatsexamen. Ich muss erstmal meine Braut fragen, habe ihr Mann gesagt. „Und ich hab Ja gesagt. Hätte ich Nein sagen können?“ Der Auftrag war eine Herausforderung. Dann Heirat, zwei Examen im Eiltempo,  Warten aufs Visum, seine Promotion, das war Voraussetzung für die Stelle. Ausreise eine Woche nach dem Rigorosum, mit dem ersten Baby im Arm. Via Schiff durch den Suezkanal bis Singapur, in Indonesien war Bürgerkrieg, „wir sind vier Wochen um die Nordspitze von Sumatra geschippert.“

Gehalt aufs Konto in Deutschland

Dann: Ein Bretterhaus mit Blechdach auf Stelzen, kein Strom, kein Telefon, Versorgungsengpässe, aber auch keine Miete, keine Rechnungen, nichts, wofür man hätte Geld ausgeben können. Das Gehalt kam auf ein Konto in Deutschland, viele Jahre später würde ein Teil davon bei Oikocredit angelegt werden. Auf Nias gab es nur das Nötigste zu kaufen: Reis, Holz für den Herd, ein Fass Petroleum für die Lampen. Die Fotos in den Alben, die Annemarie Töpperwien hervorholt, zeigen sie mit Kollegen ihres Mannes und deren Familien in heller Kleidung auf Veranden, oder, seltene Momente, in Sesseln sitzend und lesend zu zweit. Ihr Mann sei für seine Arbeit viel unterwegs gewesen, erzählt sie, lehrte, ging mit seinen Vikaren zu Fuß in ihre Dörfer. Sie lernte unterdessen mit den Frauen im Dorf Niassisch, Li Niha, was so viel bedeutet wie „Sprache der Menschen“, bekam drei weitere Kinder, unterrichtete sie zu Hause am Küchentisch, die Älteste bis zur sechsten Klasse. Als Lehrerin an einer Schule arbeitete sie erst wieder nach ihrer Rückkehr nach Deutschland. Ihre Kinder hatten Glück. Ein paar Jahrzehnte früher wären sie mit fünf oder sechs Jahren von ihren Eltern getrennt und zu Verwandten oder in Erziehungsheime der Mission nach Deutschland geschickt worden, um dort zu lernen. So war es üblich. Annemarie Töpperwien hat dazu recherchiert und diesem nicht beachteten Kapitel der Missionsgeschichte, den Kindern und ihren Geschichten ein Buch gewidmet: „Heimgeschickt“.

Über vergessene Kinder und Frauen

Es war ihr zweites Buch. Die Arbeit zu ihrem ersten Buch begann sie nach der Pensionierung. Drei Jahre hat sie dafür gebraucht. „Seine Gehülfin. Wirken und Bewährung deutscher Missionarsfrauen in Indonesien 1865 – 1930“. Darin folgt sie den Spuren der Ehefrauen, die im Missionskontext Schwestern genannt werden und in ihrer Rolle eindeutig definiert sind. Sie teilen das Lager und vertreiben die Einsamkeit, pflegen und versorgen den Gatten, führen den Haushalt, sind Mütter oft vieler Kinder und fraglos unbezahlte Mitarbeiterinnen. Bibelfest, fleißig, tugendhaft, nicht zu dumm, nicht zu klug, „so sollten sie sein. Starb eine von ihnen, wurde der arme Bruder bedauert und die Mission half ihm bei der Suche nach einer neuen Frau“, erzählt Annemarie Töpperwien. Nicht selten kam es vor, dass die Mission in frommen Mädchenkreisen in Deutschland nach geeigneten Kandidatinnen Ausschau hielt, sie prüfte, bei Wohlgefallen dem Bruder in der Ferne als künftige Gattinnen vorschlug, die Reise organisierte und sie verschiffte. Am Hafen sahen die Bräute ihre Männer zum ersten Mal.

Es sei nicht leicht gewesen, während der Recherche mit diesem offenkundigen Desinteresse an den Frauen umzugehen, über die mehr zu erfahren ein mühsames Unterfangen und oft nur zwischen den Zeilen lesend möglich war, bemerkt die Autorin. Hat sie das nicht auch wütend gemacht? Ja, sagt sie lebhaft, „aber empört bin ich eigentlich erst nach der Veröffentlichung gewesen, als Reaktionen ausblieben; es war, als würden die Frauen weiter beschwiegen“.

„Wir mussten Wohlstand lernen“

Wenn auch die Strukturen noch wirkten, sagt Annemarie Töpperwien, war es doch eine andere Zeit, als sie in Nias war. „Die Frauen damals hatten es viel schwerer als wir in den sechziger Jahren.“ Seit 1936 gab es keine regelrechte Mission mehr, war die protestantische Nias-Kirche unabhängig. Und trotz der Entbehrungen und der nicht immer einfachen Situation in Nias sei es schwerer gewesen, sich nach der Rückkehr in Deutschland einzugewöhnen als zuvor dort. „Wir haben Wohlstand richtig lernen müssen. Überlegen Sie mal, aus welchem Deutschland wir ausgereist sind, und wie es hier war, als wir zurückkamen. Die Kinder kannten keine Schule. Autos, Elektrizität, Wasserklosetts, all das war ihnen fremd. Hier sagten die Frauen ständig: Ich muss abnehmen. Dann dachte ich an die spindeldürren Menschen im Dorf.“

Gefragt, ob sie Wünsche an den Förderkreis habe, überlegt Annemarie Töpperwien nur kurz. Sie würde wirklich gerne wissen, ob es in ihrer Nähe Menschen ihrer Generation gibt, die auch bei Oikocredit anlegen beispielsweise, mit denen man über Dinge, die die Weltbetreffen, reden kann.

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