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Erschwingliche Wohnbaudarlehen für Familien mit niedrigem und mittlerem Einkommen in Kambodscha

Erschwingliche Wohnbaudarlehen für Familien mit niedrigem und mittlerem Einkommen in Kambodscha

10. August 2019

Sothany Chun ist Geschäftsführerin des Oikocredit-Partners First Finance, einem Finanzinstitut, das Wohnbau- und Sanierungsdarlehen für Menschen mit niedrigem und mittlerem Einkommen in Kambodscha bereitstellt. Wir haben mit ihr über ihren Hintergrund und die Arbeit von First Finacne gesprochen.

Könnten Sie uns zunächst etwas über Ihren Hintergrund erzählen?

Nach Abschluss meines Studiums im Bereich Buchhaltung begann 2002 meine berufliche Laufbahn in der Wirtschaftsprüfung bei der Nichtregierungsorganisation World Vision Cambodia.  Dort habe ich einen guten Überblick über sämtliche operativen Tätigkeiten der Organisation erhalten. Zu dieser Zeit lernte ich auch das Thema Mikrofinanz kennen.

Schon bald wurde mir klar, dass ich vor allem an operativen Aufgaben und weniger an Zahlen interessiert bin. Deshalb schloss ich mich dem Entwicklungsteam an, das mit dem Betreuungsbüros und den Geldgebern zusammenarbeitete und auch an der Ausarbeitung von Anträgen beteiligt war. Diese Zeit war sehr spannend.  

I 2007 ging ich zu Vision Fund (dem Mikrofinanzfonds von World Vision), bevor ich zu einem Mobile Banking-Unternehmen mit Sitz in Australien wechselte. Auf die Initiative ihres Corporate Social Responsibility-Teams hin wollte das Unternehmen einen mobilen Geldtransfer für Menschen mit geringem Einkommen anbieten.  Im Jahr 2011 wechselte ich zu First Finance – zunächst als Finanzvorstand, bevor ich 2014 Geschäftsführerin wurde.

First Finance bietet Kredite für Wohnen und Sanieren. Warum ist das in Kambodscha so wichtig?

2006 wurde unsere Organisation eigentlich unter dem Namen „First Home“ gegründet, da die Gründer*innen sahen, dass junge Angestellte in Bezug auf Wohnbaudarlehen und den Zugang zu erschwinglichen Wohnungen einen großen Nachteil hatten. Einerseits kamen die jüngeren Arbeiternehmer*innen nicht für Mikrofinanzkredite in Frage, wurden aber auch von Geschäftsbanken übersehen, die sich mehr auf das Spitzenverdiener konzentrierten, das als risikoärmer wahrgenommen wird.

Also wurde das Konzept der Mikrohypotheken getestet – aber nicht auf die Art und Weise, wie es eine typische Geschäftsbank tun würde, sondern anhand von Kund*innen mit niedrigen bis mittleren Einkommen. Mikrohypotheken erwiesen sich als erfolgreich und die Organisation „First Home“ wurde in ein Finanzinstitut umgewandelt und erhielt den Namen „First Finance“, um die neue Situation, die Vision und die soziale Wirkung, die wir erzielen wollen, widerzuspiegeln.

Könnten Sie ein Beispiel dafür geben, wie Sie einem bestimmten Kunden geholfen haben?

Es gibt viele inspirierende Geschichten zu erzählen, aber eine von Mutter und Tochter ist mir besonders im Gedächtnis geblieben: Ihnen wurde ihr Zuhause weggenommen, als die Regierung beschloss, die Straße zu verlängern. Normalerweise würde der Bau einer Straße als eine positive Entwicklung für die Gemeinschaft angesehen werden, aber diese Frauen waren natürlich sehr unzufrieden, als ihr Land für den Bau verwendet wurde. Von dem Land, das sie hatten, war dann nur noch ein Meter übrig, nicht einmal genug, um ein neues Haus zu bauen.

Die Tochter hatte einen Laden auf dem Markt, also zogen sie dorthin. Sie lebten dort eine ganze Weile und obwohl ihr Geschäft Gewinne erwirtschaftete, reichte es nicht aus, um ein Haus zu kaufen.

Glücklicherweise hat First Finance einige Werbeaktionen auf dem gleichen Markt durchgeführt. Nachdem die beiden Frauen erfahren hatten, was wir tun, trafen wir uns mit der Tochter und ein Darlehen wurde genehmigt. Sie nahm zuerst einen Kredit auf, um Land zu kaufen, zahlte eine Reihe von Raten und erhielt später einen weiteren Kredit, um ein Haus zu bauen.

Nachdem die Tochter endlich mit ihrer Mutter in das neue Haus ziehen konnte, sagte sie mir etwas, das ich nie vergessen werde: "Danke. Wegen First Finance habe ich jetzt wieder ein Zuhause." Es war wirklich rührend. Ein Haus bedeutet für eine Familie alles und die Tatsache, dass wir Familien ein Zuhause geben können, ist eine sehr positive Sache und sehr motivierend.

Was sind die zentralen Herausforderungen für Sie in Kambodscha?

Die Laufzeit von Hypotheken ist in der Regel lange. Der Kauf eines Hauses ist für jeden eine große Entscheidung. Die durchschnittliche Kreditlaufzeit unserer Kund*innen beträgt zehn Jahre. First Finance hat in gewisser Weise Glück, dass unsere eigenen Kredite von unseren eigenen Kreditgeber*innen wie z. B. Oikocredit durchschnittlich fünf Jahre betragen. Eine typische Mikrofinanzinstitution kann möglicherweise nur einen Kredit für drei Jahre erhalten.

Wir bekommen jedoch nicht den gleichen Kreditrahmen, den wir unseren Kund*innen zur Verfügung stellen. Wenn dies zehn Jahre sind und wir selbst nur ein fünfjähriges Darlehen bekommen können, gibt es eine fünfjährige Lücke.

Die andere Herausforderung besteht darin, dass wir die einzige Mikrofinanzinstitution sind, die Hypotheken tätigt. Es gibt daher wenige Menschen, mit denen wir sprechen und von denen wir lernen können. Wir können das Rad nicht immer neu erfinden. Es wäre hilfreich, unser Wissen und Erfahrungen mit anderen auszutauschen. Wir stellen uns immer wieder die Frage: Ist das das Richtige? Können wir die Dinge anders oder besser machen?

Einige Leute fragen uns, warum wir uns auf Hypotheken beschränken. Vielleicht würden wir bei einer Diversifizierung eine bessere Rendite erzielen. Es mag vielleicht langsam vorangehen, aber wir machen einen Unterschied. Und das ist, was zählt. Wir wachsen vielleicht nicht so schnell wie andere oder erzielen nicht die Renditen, die sie erzielen, aber wir arbeiten nicht nur für die finanziellen Gewinne – unser Ziel ist die soziale Wirkung, und das ist es, was unsere Mitarbeiter*innen motiviert.

In Kambodscha war die Überschuldung in den letzten Jahren ein Problem. Gibt es konkrete Maßnahmen, die Sie ergreifen, um dieses Problem anzugehen?

Es gibt eine Vereinigung aller wichtigen kambodschanischen Mikrofinanzakteure, die sich mit Brancheninitiativen und -vorschriften auseinandersetzt. In der Vergangenheit gab es keine aufsichtsrechtliche Begrenzung der Anzahl der Kredite. Die Menschen konnten sich von fünf verschiedenen Institutionen Geld leihen. Die Besorgnis über die Überschuldung veranlasste den Verband, ein Limit festzulegen: Nun dürfen Einzelkund*innen bei nicht mehr als zwei Finanzinstituten einen Kredit aufnehmen. Bei Gruppenkrediten – das sind in der Regel kleinere Kredite – ist die maximale Anzahl drei.

Wenn ein*e Kund*in aufgrund kurzfristiger finanzieller Schwierigkeiten wie zum Beispiel durch Krankheit eines Familienmitglieds oder Wetteränderungen in Verzug gerät, findet First Finance gemeinsam mit der betreffenden Person eine Lösung. Langfristige finanzielle Schwierigkeiten erfordern eine enge Absprache mit der Person und geeignete Maßnahmen, um sicherzustellen, dass sie letztendlich über die finanzielle Möglichkeit verfügt, das Darlehen weiterhin zurückzuzahlen.

Weltweit gibt es einen Mangel an Frauen in Führungspositionen. Wie ist es in Kambodscha?

Es ist eine ähnliche Geschichte hier. Wir haben etwa 70 Mikrofinanzinstitute in Kambodscha und 35 Geschäftsbanken. Aber die Anzahl der Geschäftsführerinnen ist sehr begrenzt.

Im Mikrofinanzsektor gibt es einige Familienunternehmen, sodass wir dort mehr weibliche Führungskräfte sehen. Im Allgemeinen ist es bei einem Familienunternehmen die Frau, die das Unternehmen leitet.

Wir wachsen in einer Kultur auf, in der du als Frau für das Wohlergehen der Familie verantwortlich bist. Am Ende ist es aber der Mann, der entscheidet. Dennoch sehen wir langsam mehr Gleichberechtigung in der Gesellschaft. Es gehen mehr Frauen zur Schule und absolvieren eine höhere Ausbildung.

Wie sieht es für Sie als Geschäftsführerin von First Finance aus? Hatten Sie Schwierigkeiten, diese Position zu erreichen?

Als ich die Position einnahm, wurde mir gesagt, dass sich mein Leben ändern würde. Eine gute Work-Life-Balance zu erreichen, das ist leichter gesagt als getan. Mein Mann ist sehr verständnisvoll. Er arbeitet auch Vollzeit, sodass wir beide weniger Zeit mit den Kindern haben. Wir teilen uns die Aufgaben im Haushalt. Am Wochenende versuche ich, meine Zeit mit der Familie und besonders mit meinen Kindern zu verbringen.

Ich sehe aber, dass meine Kollegen vor der gleichen Herausforderung stehen, Beruf und Familie zu vereinbaren. Deshalb würde ich sagen, dass es sich hier nicht um ein geschlechterspezifisches Problem handelt.

Auf geschäftlicher Ebene würde ich sagen, dass die Gleichberechtigung der Geschlechter akzeptiert wird und ich werde als weibliche Führungskraft ernst genommen – vielleicht, weil wir mehr ausländische Investoren haben. Allgemein verändert es sich zum Positiven in Kambodscha. Es gibt immer mehr Frauen in höheren Positionen.

Inwiefern konnte Oikocredit Sie bei einigen der Herausforderungen unterstützen, mit denen First Finance konfrontiert war?

Oikocredit finanziert nicht nur, sondern bietet ihren Partner auch Beratungs- und Schulungsmaßnahmen. Seit 2015 arbeiten wir mit Oikocredit im Rahmen eines Programms zum Risikomanagement zusammen. Dieses umfasst Finanzrisikomanagement, Kreditrisikomanagement sowie Katastrophenvorsorge. First Finance nahm auch am „Responsible Finance“-Training teil, das auch ein Mentoring zur Durchführung einer Selbstbewertung der Kundenschutzgrundsätze beinhaltete. Wir verfügen über begrenzte Ressourcen, sodass diese nicht-finanzielle Unterstützung, die wir von Oikocredit erhalten, wirklich wichtig ist.

Ebenso wollen wir bei First Finance unsere Expertise weitergeben und unsere eigenen Kund*innen gut beraten. Wir möchten nicht nur Finanzdienstleistungen erbringen, sondern ein Berater und ein Partner für unsere Kund*innen sein, damit sie bei Fragen rund um ihre Wohnsituation zu uns kommen und uns vertrauen. Dafür verwenden wir den Begriff „Housing Solution Partner“.

Darüber hinaus kann Oikocredit uns als Investor helfen, uns mit Organisationen zu vernetzen, mit denen wir uns über Herausforderungen, Probleme und „Best Practices“ austauschen können.

Gibt es einen bestimmten Grund, warum Sie sich für eine Zusammenarbeit mit Oikocredit entschieden haben?

Wir arbeiten mit Oikocredit zusammen, weil für Oikocredit die soziale Wirkung im Vordergrund steht. Wir sehen, wie Oikocredit mit uns interagiert, welche Fragen sie uns als Partnerorganisation stellen, und dass auch sie transparent arbeiten. Das zeigt worum es ihnen als Investor geht und das sind die Gründe, warum wir die Zusammenarbeit auch in Zukunft fortsetzen wollen.

Wir sind stolz darauf Teil von Oikocredit zu sein, denn sie tun wirklich die Dinge, von denen sie behaupten, dass sie sie tun.

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